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Dringender Handlungsbedarf: Stigmatisierung und Diskriminierung von Adipösen

Am 4. März ist der World Obesity Day, organisiert von der worldobesityday.org. Die Organisatoren möchten diesen Tag nutzen, um auf Adipositas, wovon weltweit derzeit ca. 800 Millionen Menschen betroffen sind,[1] als globale Herausforderung aufmerksam zu machen.

Dringlichen Handlungsbedarf sehen die Organisatoren in einer verbesserten Aufklärung über die vielfältigen Ursachen von Adipositas und der Adaption länderspezifischer Gesundheitssysteme, um Adipositas zu verhindern oder nachhaltiger behandeln zu können. Insbesondere aber treten die Organisatoren für eine Beendigung der zunehmenden gesamtgesellschaftlichen Stigmatisierung und Diskriminierung von Betroffenen ein.

Stigmatisierung und Diskriminierung

Adipösen Menschen werden aufgrund ihres Körpergewichts negative Eigenschaften zugesprochen, dies bedeutet Stigmatisierung. Betroffenen wird u.v.a. mangelnde Disziplin und fehlende Willensstärke vorgeworfen, ihnen wird die Schuld für ihre Erkrankung zugewiesen oder sie werden für inkompetent gehalten. Die Ursachen einer Adipositas sind jedoch vielfältig (genetische Prädisposition, ungünstige Stoffwechselfkatoren, Adipositas begünstigende Medikation und andere heterogene Einflüsse).

Stigmatisierende Vorurteile gegenüber Adipösen sind z. B.:

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Wenn aus gewichtsbezogener Stigmatisierung Vorurteile und negative emotionale Reaktionen entstehen, schlägt sich dies nieder in einer Ungleichbehandlung von Betroffenen – einer gewichtsbezogenen Diskriminierung – die letztlich zu einer Vielzahl von Benachteiligungen in allen Lebensbereichen führen.

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Selbst-Stigmatisierung

Gewichtsbezogene Stereotypen und Vorurteile werden von nicht wenigen Adipösen internalisiert. Negative Auswirkungen der Stigmatisierungstendenzen werden durch Selbst-Stigmatisierung dann weiter verstärkt.

Selbst-Stigmatisierung korreliert dann zusätzlich u. a. mit depressiven Symptomen,[2] mit verringertem Selbstwertgefühl, einer gesteigerten Angstsymptomatik,[3] sowie einer verringerten Lebensqualität und einem gestörten Körperselbstbild.[4]

Und so ergeben sich auf allen Ebenen des öffentlichen und persönlichen Lebens Stigmatisierungs- und Selbst-Stigmatisierungserfahrungen, denen Adipöse ausgesetzt sind:

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Stigmatisierung und Diskriminierung im Gesundheitswesen

Bei der Bekämpfung der Adipositas dürfen Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen adipöser Menschen gerade im Gesundheitswesen nicht unterschätzt werden. Behandler, Ernährungsfachkräfte, Ärzte oder Psychologen sind einer der größten Verursacher von gewichtsbezogener Stigmatisierung und Diskriminierung.[5]

In Studien geben Betroffene an, dass Ärzte und Pflegekräfte zweithäufigste Ursache gewichtsbezogener Diskriminierung seien.[6] Eine weitere Studie konnte stärker ausgeprägte gewichtsbezogene Stereotypen bei Ärzten als bei Pflegekräften belegen.[7] Aber auch bei auf Adipositastherapie spezialisierten Fachkräften treten offenbar stigmatisierende Einstellungen auf.[8]

Auch belegen verschiedene Studien, dass Ärzte nicht von einem Behandlungserfolg bei adipösen Patienten ausgehen und daher weniger Behandlungszeit mit dieser Patientenpopulation zur Verfügung stellen.[9] Gewichtsbezogene stigmatisierende Einstellungen bei Ärzten korrelieren zudem mit einer verflachten Arzt-Patient-Kommunikation.[10]

Zur Stigmatisierung tragen im Übrigen auch auf übergewichtige Patienten nicht ausgelegte medizinische Apparate und Instrumente bei. [11]

Vorgenanntes wirkt sich negativ auf die Qualität der Behandlung und damit ungünstig auf den Gesundheitszustand des Patienten, sowie den Behandlungserfolg bei adipositastherapeutischen Maßnahmen aus.[12]

So ist es nicht verwunderlich, dass adipöse Patienten Arztbesuche vermeiden und Termine immer wieder absagen oder oft verschieben. In einer Studie wurden für dieses Vermeidungsverhalten Gründe wie

– Scham das eigene Gewicht betreffend
– Unbehagen sich Entkleiden zu müssen
– Angst vorm Wiegen
– Unbehagen bei der Berührung bestimmter Körperteile
– ungebetene Ratschläge zu erhalten
– das Gefühl, mit Problemen nicht ernst genommen zu werden
– dass das Gewicht als Ursache für Beschwerden genannt wird
– Ungeeignete Ausstattung (z. B. keine passende Oberarmmanschetten für die die Blutdruckmessung)

von betroffenen Befragten genannt.[13]

Stigmatisierung und Diskriminierung als Einflussfaktor auf den Behandlungserfolg in der Adipositastherapie

Tritt Stigmatisierung auch im Gesundheitswesen auf, beeinträchtigt dies Prävention und Behandlung der Adipositas, da die Stigmatisierten u. a. schneller demotiviert aufgeben und weitaus weniger Ressourcen für die Bewältigung ihrer Erkrankung haben.

Studien aus Schweden, den USA und Großbritannien belegen ein erhöhtes Risiko, Adipositas zu entwickeln bzw. aufrecht zu erhalten, wenn Stigmatisierungserfahrungen bei den Betroffenen gemacht worden sind.[14]

Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen korrelieren häufig mit ungünstigen Gewichtsverläufen.[15] Häufig erlebte gewichtsbezogene Stigmatisierung führt zu einem gesteigerten Essverhalten und/oder der Aufnahme hochkalorischer Nahrungsmittel[16] und begünstigt weiterhin die Entwicklung von Essstörungen, Körperbildstörungen und mithin dysfunktionalem Essverhalten.[17]

Adipösen wird in diesem Zusammenhang mangelnde Compliance vorgeworfen und sind Patienten nicht in der Lage abzunehmen, wird ihnen mangelnde Motivation unterstellt.[18] So führt erlebte Stigmatisierung auch im Gewichtsmanagement unter ärztlicher Aufsicht zu einer weit reichenden Einschränkung beim Behandlungserfolg.

Damit besteht ein eminent negativer Einfluss von Stigmatisierungserfahrungen auf den Behandlungserfolg sowohl in der konservativen als auch in der operativen Adipositastherapie.

Stigmatisierung und Diskriminierung als Einflussfaktor auf den postbariatrischen Behandlungserfolg

Doch selbst wenn sich Patienten zu einer adipositaschirurgischen Maßnahme entschlossen haben und diesen Weg auf sich nehmen, werden sie negativer bewertet als Patienten, die mit konservativen Methoden einen Gewichtsverlust erzielen konnten. Ihnen wird u. a. die Verantwortung für den Gewichtsverlust nicht zugeschrieben.[19]

Bariatriepatienten wird ungesundes Essverhalten unterstellt und sie werden als faul eingeschätzt, da davon ausgegangen wird, dass sie an der Gewichtsreduktion nicht selbst beteiligt sind.[20]

Aufgrund ihrer Entscheidung, eine als ‚quick fix‘ wahrgenommene bariatrische Operation als Gewichtsreduktionsmethode gewählt zu haben, werden Bariatriepatienten z. B. auch seltener in Einstellungsverfahren berücksichtigt.[21] Daher verschweigen nicht wenige Patienten, dass sie ihren Gewichtsverlust einem operativen Eingriff zu verdanken haben. Studien verweisen darauf, dass ausschließlich ein restriktives Diät- und Bewegungsverhalten in der Öffentlichkeit als Gewichtsreduktionsmaßnahme anerkannt wird.[22] Schließlich belegt eine Studie einen verringerten Gewichtsreduktionserfolg nach einer adipositaschirurgischen Maßnahme bei Patienten mit erhöhter Selbst-Stigmatisierung.[23]

Die Reluktanz bei Ärzten und Behandlern und die damit einhergehende Aufrechterhaltung eines auch operationsbezogenen Stigmas beeinträchtigt zudem das Überweisungsverhalten für eine operative Therapie, die nachweislich als effektivste Methode der Adipositastherapie gilt. Und so berichten adipöse Patienten in Selbsthilfegruppen und bei Behandlern an Adipositaszentren leider viel zu oft, sie seien mit dem Ratschlag „Essen Sie doch einfach die Hälfte und treiben Sie mehr Sport!“ abgefertigt‘ worden.

Quellen:

[1] https://www.wordobesityday.org

[2] Vgl. Hilbert et al. (2014): Weight bias internalization, core self-evaluation, and health in overweight and obese persons. In: Obesity 22(1), S. 79–85 sowie Lent et al. (2014): Internalized weight bias in weight-loss surgery patients: psychosocial correlates and weight loss outcomes. In: Obesity Surgery 24(12), S. 2195–2199 und Papadopoulos et al. (2015): Correlates of weight stigma in adults with overweight and obesity: A systematic literature review. In: Obesity 23(9), S. 1743–1760.

[3] Vgl. Wu et al. (2018): Impact of weight stigma on physiological and psychological health outcomes for overweight and obese adults: A systematic review. In: Journal of Advanced Nursing 74(5), S. 1030–1042.

[4] Vgl. u. a. Pearl et al. (2014): Measuring internalized weight attitudes across body weight categories: validation of the modified weight bias internalization scale. In: Body Image 11(1), S. 89–92.

[5] Vgl. u. a. Puhl et al. (2009): The stigma of obesity: a review and update. In: Obesity 17(5), S. 941-964 sowie Tomiyama et al. (2015): Weight bias in 2001 versus 2013: contradictory attitudes among obesity researchers and health professionals. In: Obesity 23(1), S. 46-53.

[6] Vgl. dahingehend Puhl et al. (2013): Weight discrimination and bullying. In: Best Practice & Research Clinical Endocrinology & Metabolism 27(2), S. 117–127 sowie Puhl et al. (2015): Health consequences of weight stigma: implications for obesity prevention and treatment. In: Current Obesity Reports 4(2), S. 182–190.

[7] Vgl. Sikorski et al. (2013): Attitudes towards bariatric surgery in the general public. Obesity Surgery 23(3), S. 338–345.

[8] Vgl. Tomiyama et al. (2015): Weight bias in 2001 versus 2013: contradictory attitudes among obesity researchers and health professionals. Obesity 23(1), S. 46–53.

[9] Vgl. Phelan et al. (2015): Impact of weight bias and stigma on quality of care and outcomes for patients with obesity. Obesity Reviews 16(4), S. 319–326 sowie auch Smigelski-Theiss et al. (2017): Weight bias and psychosocial implications for acute care of patients with obesity. In: AACN Advanced Critical Care 28(3), S. 254–262.

[10] Vgl. Gudzune et al. (2013): Physicians build less rapport with obese patients. Obesity 21(10), S. 2146–2152.

[11] Vgl. Beigang et al. (2017): Diskriminierungserfahrungen in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativ- und einer Betroffenenbefragung. (https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Expertisen/expertise_diskriminierungserfahrungen_in_deutschland.html)

[12] Vgl. dazu Phelan et al. (2015): Impact of weight bias and stigma on quality of care and outcomes for patients with obesity. In: Obesity Review 16(4), S. 319-326.

[13] Vgl. Hilbert et al. (2012): Stigmatisierung von Adipositas: Implikationen für die Kommunikation mit adipösen Patienten. In: Lewandowski et al. (Hrsg.): Adipositas-Management in Anästhesie, Chirurgie, Intensivmedizin und Notfallmedizin, S. 71-76.

[14] (Hansson et al. (2014): Association between perceived health care stigmatization and BMI change. In: Obesity Facts 7(3), S. 211–220 sowie Jackson et al. (2016): Perceived weight discrimination and chronic biochemical stress: A population-based study using cortisol in scalp hair. Obesity 24(12), S. 2515–2521)

[15] Vgl. Puhl et al. (2009): The stigma of obesity: a review and update. In: Obesity 17(5), S. 941-964 sowie Tomiyama et al. (2015): Weight bias in 2001 versus 2013: contradictory attitudes among obesity researchers and health professionals. In: Obesity 23(1), S. 46-53.

[16] Vgl. dazu Wu et al. (2018): Impact of weight stigma on physiological and psychological health outcomes for overweight and obese adults: A systematic review. In: Journal of Advanced Nursing 74(5), S. 1030–1042 sowie Major et al. (2014): The ironic effects of weight stigma. In: Journal of Experimental Social Psychology 51, S. 74–80.

[17] Vgl. O’Brian et al. (2016): The relationship between weight stigma and eating behavior is explained by weight bias internalization and psychological distress. In: Appetite 102, S. 70–76 sowie Baldofski et al. (2016): Weight bias internalization, emotion dysregulation, and non-normative eating behaviors in prebariatric patients. In: International Journal of Eating Disorders 49(2), S. 180–185.

[18] Vgl. Puhl et al. (2015): Health consequences of weight stigma: implications for obesity prevention and treatment. In: Current Obesity Repots 4(2), S. 182–190.   

[19] Vgl. Mattingly et al. (2009): Shedding the pounds but not the stigma: negative attributions as a function of a target’s method of weight loss. In: Journal of Applied Biobehavioral Research 14(3), S. 128-144.

[20] Vgl. Vartanian et al. (2013): The stigma of obesity surgery: negative evaluations based on weight loss history. In: Obesity Surgery 23(10), S. 1545-155 sowie Fardouly et al. (2012): Changes in weight bias following weight loss: the impact of weightloss method. In: International Journal of Obesity 36(2), S. 314-319. Vgl. auch Carels et al. (2015): Changes in weight bias and perceived employability following weight loss and gain. In: Obesity Surgery 25(3), S. 568-570.

[21] Carels et al. (2015): Changes in weight bias and perceived employability following weight loss and gain. In: Obesity Surgery 25(3), S. 568-570.

[22] Vgl. Hansen et al. (2016): Damned if You Do, Damned if You Don’t: The Stigma of Weight Loss Surgery. In: Deviant Behavior 39(5), S. 1-11.

[23] Vgl. Lent et al. (2014): Internalized weight bias in weight-loss surgery patients: psychosocial correlates and weight loss outcomes. In Obesity Surgery 24(12), S. 2195–2199.