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Reduziert eine bariatrische Operation das Risiko einer Krebserkrankung?

Adipositas stellt nach aktuellem Wissensstand einen unabhängigen Risikofaktor in der Prävalenz verschiedener Karzinomentitäten dar, wobei Zusammenhänge zwischen Adipositas und Krebs als „vielfältig und komplex“[1] beschrieben werden und nicht endgültig geklärt sind. Neben unterschiedlichen Hypothesen werden hierbei chronische Entzündungsprozesse und auch eine veränderte hormonelle Aktivität der Adipozyten diskutiert.

Verschiedene Studien konnten bislang zeigen, dass Adipositas signifikant mit einer erhöhten Inzidenz bei bestimmten Karzinomen (kolorektale Karzinome, postmenopausale Mammakarzinome, Karzinome des Ösophagus, Endometrium-, Nierenzell- sowie Pankreaskarzinome) assoziiert ist.[2] Eine britische Kohortenstudie lässt ein schwachen bis starken Zusammenhang zwischen dem BMI und 17 von 22 untersuchten Krebsarten vermuten. Das Risiko steigt dabei proportional zur Gewichtszunahme – je nach Krebsentität zwischen 12 Prozent und 51 Prozent bei Zunahme des BMI um 5kg/m2 (BMI).[3]

Darf also vermutet werden, dass das durch Adipositas erhöhte Risiko, an Krebs zu erkranken, durch eine bariatrische Operation und die anschließende Gewichtsreduktion reduziert werden kann? Eine Frage, die aufgrund heterogener Studienergebnisse nicht leicht zu beantworten ist.

In Frankreich wurden dazu kürzlich die Daten von ca. 100.000 Patienten ausgewertet,[4] die sich einer bariatrischen Operation unterzogen hatten. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung konnte hier kein erhöhtes Risiko für eine Darmkrebserkrankung festgestellt werden. Demgegenüber erkrankten jedoch nicht-operierte Adipöse mit einem um 34 Prozent erhöhten Risiko an Darmkrebs. Eine Studie in den USA kommt zu ähnlichen Ergebnissen.[5]

Eine in der S-3-Leitlinie ‚Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen‘ diesbezüglich zitierte Meta-Analyse kommt zu dem Schluss, dass die Studienergebnisse so heterogen seien, dass Schlüsse mit gewisser Vorsicht gezogen werden sollten.[6]

Dass sich das Risiko für einzelne Krebserkrankungen postoperativ normalisiert, darf jedoch auch bei heterogenen Studienergebnissen aufgrund einer wachsenden wissenschaftlichen Evidenz vermutet werden.

 

Quellen:

[1] Theurich et al. (2015): Adipositas: Hohe Relevanz für Krebs. In: Deutsches Ärzteblatt 112(39) (doi: 10.3238/PersOnko.2015.09.25.08).
[2] Vgl. hierzu u. a. Nimptsch et al. (2014): Adipositas und Krebs. In: Adipositas – Ursachen Folgeerkrankungen Therapie 08(03) (doi: 10.1055/s-0037-1618849), Dobbins et al. (2013): The Association between Obesity and Cancer Risk: A Meta-Analysis of Observational Studies from 1985 to 2011. In: ISRN Preventive Med, April 2013 (doi: 10.5402/2013/680536), Keum et al. (2015): Adult Weight Gain and Adiposity-Related Cancers: A Dose-response Meta-Analysis of Prospective Observational Studies. In: Journal of the National Cancer Institute, Februar 2015 (doi: 10.1093/jnci/djv088), Bhaskaran et al. (2014): Body-mass index and risk of 22 specific cancers: a population-based cohort study of 5.24 million UK adults. In: The Lancet, August 2014 (doi: 10.1016/S0140-6736(14)60892-8).
[3] Vgl. Nimptsch (2014) aaO. sowie Bhaskaran (2014) aaO.
[4] Vgl. auch im Folgenden Bailly et al. (2020): Colorectal Cancer Risk Following Bariatric Surgery in a Nationwide Study of French Individuals With Obesity. In: Journal of the American Medical Association 155(5), S. 395-402.
[5] Vgl. Schauer et al. (2019): Bariatric Surgery and the Risk of Cancer in a Lage Multisite Cohort. In: Annals of Surgery 269, S. 95-101.
[6] Vgl. näher Casagrande et al. (2014): Incidence of Cancer Following Bariatric Surgery: Systematic Review and Meta-analysis. In: Obesity Surgery (doi: 10.1007//s11695-014-1276-0).