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Metaanalyse: Daten sprechen für operative Adipositastherapie

Adipositaschirurgische Operationen führen zu einem deutlichen und nachhaltigen Gewichtsverlust. Nachweislich führen sie zu einer Remission oder signifikanten Verbesserung von adipositas-assoziierten Komorbiditäten. Zunehmend wird daher von metabolisch-bariatrischer Chirurgie gesprochen. Auch wenn die Evidenz im kurzfristigen und mittellangen Verlauf sehr gut ist, waren die Daten hinsichtlich des Langzeitverlaufes noch nicht belastbar genug, um über tragfähige Argumente für eine nachhaltige Therapie von Adipösen im Diskurs mit Politik und Kostenträgern zu verfügen.

In Lancet wurde kürzlich eine Arbeit veröffentlicht, in der die Autoren die Korrelation zwischen metabolisch-bariatrischer Chirurgie und dem Langzeitüberleben an knapp 180.000 schwer adipösen Patienten untersuchten. Ein Untersuchungs-Schwerpunkt wurde dabei auf die Rolle des Diabetes gelegt. Es wurden Patienten mit erfolgter bariatrischer Operation mit Patienten verglichen, die nicht-operative, konservative Therapien durchlaufen.

Hierfür wurde eine Metaanalyse der Mortalität auf Einzelpatientenebene anhand von Ergebnissen randomisierter Studien bzw. hochwertiger, angepasster Kohortenstudien erarbeitet. Weiterhin wurden die ‚Number Needed To Treat‘ (NNT) und die Lebenserwartung mittels geeigneter statistischer Verfahren errechnet.

Die Gesamtpopulation aus etwa 1.400 Publikationen betrug 174.772 Patienten. Eine metabolisch-bariatrische Operation war nach den Berechnungen der Autoren mit einer um fast 50 Prozent reduzierten Sterbewahrscheinlichkeit assoziiert (Reduktion = 49,2 %, Konfidenzintervall (CI) 46,3-51,9, p<0,0001). Die mediane Lebenserwartung betrug 6,1 Jahre (CI 5,2 – 6,9) länger unter operativer als unter nicht-operativer, konservativer Therapie.

Im Rahmen einer Subgruppenanalyse wurden ferner adipöse Patienten mit und ohne Diabetes verglichen. Auch wenn bei beiden Gruppen eine signifikante Reduktion der Mortalität beobachtet werden konnte, war diese bei Patienten mit initialem Diabetes noch ausgeprägter (p<0,0001). Die mediane Lebenserwartung war bei Patienten mit Diabetes und Operation um 9,3 Jahre (95%CI 7,1 – 11,8) länger als bei Patienten mit Diabetes und ohne Operation. Von der Operation profitieren dieser Studie nach demnach ganz besonders Patienten mit einem Diabetes.

Die NNT, um mit einer Operation über einen Zeitraum von 10 Jahren einen Todesfall zu verhindern, betrug bei Patienten mit Diabetes 8,4 (95% CI 7,8 – 9,1) bzw. 29,8 (95% CI 21,2 – 56,8) für Patienten ohne Diabetes.

Die Metaanalyse macht eindrücklich deutlich, dass eine indikationsgerechte, metabolisch-bariatrische Operation die Lebenserwartung von schwer adipösen Patienten signifikant erhöht – im Übrigen unabhängig von dem gewählten Operationsverfahren (Magenbypass, Schlauchmagen, Magenband).

Es wäre wünschenswert, dass diese Ergebnisse in der Diskussion bezüglich der Kostenübernahmepraxis der Kostenträger, aber dingend auch in der politischen Auseinandersetzung mit dem Thema Adipositas Berücksichtigung finden. Auch aufgrund dieser eindrücklichen Ergebnisse ist ein Vorenthalten der operativen Adipositastherapie für schwer adipöse, diabetische Patienten nur schwer zu rechtfertigen.

Oberarzt Dr. Martin Kemps, Leiter des Sana Adipositaszentrums Berlin

Quelle: Lancet.2021 397(10287):1830-41